Jahrgangsmischung
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Jahrgangsmischung an der Hans-Georg-Karg-Schule Grundschule im CJD Braunschweig – Primaria Braunschweig
Kinder sind verschieden
In der Jahrgangsklasse haben die Kinder lediglich eine Gemeinsamkeit: Normalerweise haben sie einen Altersunterschied von maximal 12 Monaten. Und sonst? Jedes Kind ist unterschiedlich, von gleichen Lernbedingungen kann keine Rede sein. Beispiel: Bei Schuleintritt kann ein Kind womöglich schon lesen und kleine Geschichten schreiben, ein anderes ist stolz, dass es seinen Namen schreiben kann und erste Buchstaben wieder erkennt und wieder ein anderes Kind kann überhaupt noch nicht schreiben und weiß noch gar nicht, was Buchstaben sind. Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo hat in Langzeitstudien die Heterogenität von
Kindern untersucht.
Die Unterschiede in den Entwicklungs-merkmalen sind so groß, dass sie beispielsweise bis zum Beginn der Pubertät etwa drei Jahre umfassen. D.h.: Ein siebenjähriges Kind kann sich im Entwicklungsalter von 5,5 Jahren bis 8,5 Jahren befinden. Hinzukommt, dass die einzelnen Kompetenzen im Kind selber unterschiedlich entwickelt sind: Beispielsweise kann ein Siebenjähriger vielleicht lesen wie ein Achtjähriger, jedoch bei der Mengenerfassung befindet er sich noch auf der Stufe eines Sechsjährigen oder bei der emotionalen Reife auf der Stufe eines Fünfeinhalbjährigen. Diese Vielfalt zwischen den Kindern und im Kind selbst ist unbestritten (vgl. Largo und Beglinger 2009, S. 22); folglich hat die Schule die Pflicht, darauf einzugehen! Die Antwort kann nicht Gleichmacherei sein – z.B. alle lernen in der dritten Schulwoche ausschließlich den Buchstaben „B“, sondern so oder so individuelles Eingehen auf jedes einzelne Kind. Zu meinen, die herkömmliche Jahrgangsklasse stelle eine homogene Gruppe dar, die im Gleichschritt unterrichtet
werden kann, ist ein Trugschluss.
Heterogenität muss als Chance gesehen werden! Dies gilt für unsere Gesellschaft generell und damit für alle Schulformen, denn: Die Verschiedenheit nimmt mit zunehmenden Alter zu!
Jahrgangsgemischte Lerngruppen in der Hans-Georg-Karg-Schule
vom 1. bis 4. Jahrgang Maria Montessori dachte bei ihrer Pädagogik nie an ein bestimmtes Schulsystem in irgendeinem bestimmten Land, sie war ausschließlich am Kind orientiert. Sie hatte
die Gesamtheit der Entwicklungsphasen von Kindern im Blick und plädierte für offene Gruppen, in denen Kinder aus drei Jahrgängen zusammengelegt werden sollten: die Gruppe der 3- bis 6-Jährigen, der 7- bis 9-Jährigen und der 10- bis 12-
Jährigen. Ihr ging es vor allem um die soziale Erfahrung in altersgemischten
Gruppen: „Dieser Altersunterschied und diese Mischung verschiedener Entwicklungsstufen sind die Grundlagen der Selbsterziehung.“ (Montessori 1967, S. 95/96)
Die soziale Erfahrung ist um so vielfältiger je größer die Gruppe und je unterschiedlicher die Kinder sind. Wir in Niedersachsen sind noch (!) auf eine vierklassige Grundschule festgelegt. Daher haben wir uns in der Hans-Georg-Karg-Schule auf eine Mischung aller vier Altersstufen festgelegt. Auf diese beiden Vorzüge wollen wir keinesfalls verzichten:
- Ein Kind, das langsamer lernt oder aus verschiedenen Gründen bestimmte Lerninhalte nicht so gut oder so schnell wie andere versteht, bleibt eben fünf Jahre in seiner Stammgruppe.
- Ein sehr begabtes Kind, das schnell lernt, kann die Grundschule nach drei Jahren verlassen, ohne dass es in eine andere Klasse „springen“ muss.
Beides ist normal und nicht Besorgnis erregend! In keinem Fall braucht ein Kind seine Lerngruppe zu wechseln.
Auch ein Kind, das „nur“ in einem Fach Entwicklungsvorsprünge oder Entwicklungsrückstände hat, kann ausschließlich in diesem Fach die Arbeiten mit höherem oder niedrigerem Niveau bearbeiten – alles ist möglich.
An Lebenspraktischen Tagen sucht sich das Kind die Aufgaben aus, die es bewältigen kann, ganz gleich ob diese zu seinem Jahrgang passen oder nicht. Damit wird allein durch die Struktur des Unterrichts ein Eingehen auf die Heterogenität erreicht.
Bei einer Jahrgangsmischung von vier Jahrgängen gibt es mitunter zahlenmäßig starke und schwache Jahrgänge. Im Altbau unserer Schule befinden sich immer zwei Stammgruppen auf einer Etage, die enger zusammenarbeiten. Im Neubau, wo alle vier Stammgruppen auf einer Etage liegen, gibt es ebenfalls eine engereZusammenarbeit von jeweils zwei Stammgruppen, die beispielsweise gemeinsam auf Stammgruppenfahrten gehen. Dadurch haben die Kinder in ihrem Jahrgang noch
mehr Möglichkeiten, Freundschaften zu schließen.
Durch die Vielfalt wird die soziale Erziehung erst möglich.
Übrigens nennen wir unsere Klassen „Stammgruppen“, um uns von
jahrgangsgleichen „Klassen“ abzuheben.
Die Fächer Englisch und Sport
Alle Fächer werden in der Hans-Georg-Karg-Schule jahrgangsgemischt unterrichtet bis auf die Fächer Englisch und Sport. Die Lehrkräfte dieser Fächer haben gute Gründe, hier die Kinder in Jahrgangsklassen zusammenzufassen.
Im Fach Sport ist der körperliche Unterschied der Kinder einfach zu groß. Körpergröße und Kraft spielen in diesem Fach eine Rolle, bestimmte Übungen oder Sportspiele könnten einfach nicht mit der gesamten Stammgruppe durchgeführt werden.
Den Fachunterricht Englisch erteilen wir in festen Lehrgängen. Im
Fremdsprachenunterricht kommt es zudem auf einen möglichst hohen Sprachumsatz der Kinder an, das wäre gleichzeitig mit Anfängern und Fortgeschrittenen nicht durchzuhalten.
Für den ersten Jahrgang, der noch keinen Englischunterricht hat, gibt es dafür zwei Verfügungsstunden. In diesen Verfügungsstunden soll Gelerntes vertieft werden,
sollen Lernschwierigkeiten diagnostiziert werden, und soll Zusatzstoff angeboten werden. Das Lesenlernen spielt hier eine große Rolle. Ebenso findet hier Verkehrsunterricht statt: Alle sollen den Fußgängerführerschein erwerben. In diesen
beiden Verfügungsstunden findet all das statt, was im normalen Schulalltag nur mit größerem Organisationsaufwand für den ersten Jahrgang zu erreichen wäre.
Lebenspraktische Tage
Für die Themen der Lebenspraktischen Tage hat sich das Kollegium einen verbindlichen Vier-Jahres-Plan erarbeitet, der ca. zwei Drittel der LP-Tage umfasst. Damit stellen wir sicher, dass in den vier Jahren Grundschule wirklich alle Themen der einzelnen Fächer bearbeitet werden. Bestimmte Themen werden von den
Kindern während der Grundschulzeit sogar zweimal behandelt, einmal als Lernanfänger im 1. oder 2. Jahr einmal als fortgeschrittene Lerner im 3. oder 4. Jahr.
Beispiel: das Thema „Symmetrie – Spiegelung“; für Lernanfänger kommt es darauf an, das Phänomen zu begreifen und die Begrifflichkeiten zu lernen, später spielen geometrisches Zeichnen (auch mit dem Zirkel) eine Rolle.
Ungefähr ein Drittel der LP-Tage bleibt den Stammgruppenlehrkräften für individuelle Planungen. In Braunschweig finden immer viele Ausstellungen und andere interessante Veranstaltungen statt, die dann mit einbezogen werden können. Manchmal arbeiten an Lebenspraktischen Tagen zwei Stammgruppen oder die gesamte Familie zusammen, alle Organisationsformen sind möglich. Gerade an den Lebenspraktischen Tagen sollen sich die Kinder ihrer Einzigartigkeit
bewusst werden. Jeder kann etwas anderes besonders gut und erfährt darin die Anerkennung der anderen. Hier wird die Forderung von Remo Largo und vielen anderen verwirklicht: Kinder haben Erfolgserlebnisse und fühlen sich als Person akzeptiert.
Am 3. Oktober 2008 sagte Remo Largo auf dem Bildungskongress in
Bregenz: „“Ich schaffe es“, das soll die Schule vermitteln.“ Und genau dieses Ziel möchten wir an unserer Schule erreichen!
Teamarbeit der Lehrkräfte und Erzieherinnen Nicht nur im Zusammenhang mit den Lebenspraktischen Tagen sind viele
Absprachen im Kollegium nötig. Ganz generell hilft professionelle Teamarbeit bei der Gestaltung des Unterrichts in altersgemischten Stammgruppen. Ein fester Nachmittag pro Woche dient diesem kollegialen Austausch, es finden Familiensitzungen, Fachdienstbesprechungen und Konferenzen statt. Für unsere
Grundschule haben wir zwei Familienteams gebildet, die enger zusammenarbeiten:
die gelbe Familie mit den Stammgruppen A (Ameisen), B (Bären), C (Clownfische) und D (Dinos) und die blaue Familie mit den Stammgruppen E (Elefanten),
F (Frösche), G (Giraffen) und H (Hasen).
Die enge Verzahnung der Kollegen erlaubt uns, das Fachlehrerprinzip in den Stammgruppen aufrecht zu erhalten. Außer ihrer vertrauten Stammgruppenlehrkraft,
die entweder Deutsch oder Mathematik unterrichtet, werden die Kinder immer weitere Fachlehrer haben. Wir sehen darin die Chance auf eine angemessene Förderung und gerechte Beurteilung durch den Blick mehrerer Fachleute auf ein Kind. Im Übrigen schlagen auch die niedersächsischen Rahmenrichtlinien für die
Grundschule das Fachlehrerprinzip vor.
Soziales Lernen
Die altersgemischte Gruppe stellt ein vielschichtiges soziales Erfahrungsfeld dar, das besonders in sozial-erzieherischer und sozial-integrativer Hinsicht bedeutsam ist. „Rollenverfestigungen, Stigmatisierungen und Ausgrenzungen lassen sich vermeiden, weil sich jeder einmal in der Rolle des Kleinen, des Mittleren und des
Großen erlebt. Dadurch gehören alle einmal zu den Jüngeren, die Hilfe erwarten können und zu den Älteren, die in der Pflicht stehen, Hilfe zu geben. Dieser Positionswechsel vollzieht sich in altersgemischten Gruppen immer wieder aufs
Neue.“ (Klein-Landeck 2005, S. 195)
Jüngere oder neu hinzugekommene Kinder (Quereinsteiger) übernehmen Gruppenregeln, Gruppenrituale und Arbeitstechniken von erfahreneren Kindern. Es stärkt das Selbstbewusstsein der älteren Kinder, wenn sie sich als Helfer und Beschützer erleben, sogar leistungsmäßig eher schwache Kinder erlangen so
Bestätigung und Zuversicht. Durch das tägliche Miteinander ergeben sich vielfältige Anlässe zu gegenseitiger Hilfe, Kooperation, Toleranz und Rücksichtnahme. Es ist in einer altergemischten
Stammgruppe schlicht selbstverständlich, verschieden zu sein!
Lernen durch Lehren?
Diese gegenseitige Akzeptanz bezieht nicht nur auf das Miteinanderleben sondern auch auf das unterschiedliche Lern- und Leistungsverhalten. Grundsätzlich gerät in jeder pädagogischen Situation und bei jedem neuen Thema die Fähigkeit des
einzelnen Kindes in den Blickpunkt. Das Kind arbeitet auf dem Niveau mit, auf dem es sich gerade befindet – und zwar unabhängig vom Alter.
Nach Maria Montessori lernt ein Kind besonders gut durch das Lehren anderer Kinder. Es erkennt eigene Lernfortschritte und festigt sein Wissen beim Erklären:
Wissen muss umgearbeitet werden und für das andere Kind verständlich gemacht werden. Erworbenes Wissen wird analysiert, systematisiert und womöglich umstrukturiert. Dadurch sieht das ältere Kind viele Strukturen des Gelernten klarer.
Dieses Lernen durch sozialen Austausch, der verstärkt ebenso die eigenen Interessen anregt (Kinder werden zu Experten zu einzelnen Themen), wird in der Montessori-Literatur oft als „kommunikatives Lernen“ bezeichnet. (vgl. T. Knauf in
R. Laging 2003, S. 155/156) Und: Kinder verstehen Erläuterungen von Kindern oft besser als die von Lehrkräften.
Durch das Beobachten von Lernprozessen bei anderen versteht man die eigenen besser, „ahnt, wie man selber gelernt hat, objektiviert die Tätigkeit auf niederer Stufe, um sie bewusster wiederholen zu können.“ (Freudenthal 1978, S. 64)
Ein weiterer wichtiger Aspekt der gegenseitigen Hilfe der Kinder untereinander ist die intensive Zuwendung der Lehrkraft zu einem einzelnen Kind, denn nur so hat sie die Zeit dazu. Davon profitiert im Laufe des Schultages und der Schulwoche jedes
Kind.
Um Eltern von älteren Kindern die Angst zu nehmen, ihre Kinder würden zu „Ersatzlehrern“ für die Kleinen, sei hier deutlich darauf hingewiesen, dass Hilfen und Erklärungen einerseits selbstverständlich nicht die überwiegende Unterrichtszeit
betreffen und andererseits die beschriebenen positiven Entwicklungen beim Helferkind voranbringen. Außerdem ist es durchaus erlaubt, anderen zu verstehen zu geben, dass man gerade bei seiner eigenen Arbeit nicht gestört werden will –
auch hierbei geschieht soziales Lernen.
Forschungsergebnisse
In zahlreichen Untersuchungen sind die Vorteile in der sozial-emotionalen Entwicklung von Kindern in jahrgangsgemischten Gruppen abgesichert. Diese Vorteile liegen auf der Hand: Hilfsbereitschaft, soziale Verantwortung und Selbstkonzept sind einfach besser, aggressives Verhalten tritt seltener und weniger
intensiv auf. Ich denke, dass dies bei den Kindern der Hans-Georg-Karg-Schule im Vergleich zu anderen Grundschulen leicht beobachtet werden kann. Untersuchungen über die schulischen Leistungen, von denen es nicht so viele gibt, haben ergeben, dass hier im Allgemeinen keine signifikanten Unterschiede auftreten. Vor einigen Jahren hat der hiesige Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie eine Vergleichsuntersuchung zwischen der Grundschule Volkmarode und unserer Grundschule aufgestellt. In den Bereichen Geometrie und Kreativität waren unsere Kinder denen aus Volkmarode signifikant überlegen, ansonsten gab es kaum
wesentliche Unterschiede. Unsere Kinder waren in vielen Bereichen ein wenig besser, jedoch nicht wesentlich besser als die Kinder aus Volkmarode. Zu vermerken ist noch, dass diese Untersuchung während unserer Umstellungszeit auf die komplette Jahrgangsmischung stattfand. Diese Umstellung war naturgemäß von einer gewissen Unruhe geprägt – Umstellungen bedeuten immer Umgewöhnung. Daher wäre ich sehr gespannt zu erfahren, wie eine Untersuchung heute nach Etablierung der
Jahrgangsmischung ausfallen würde.
Zusammenfassung:
Pädagogische Gründe, die für jahrgangsgemischte Lerngruppen sprechen
- Kinder können die Grundschule in 3, 4 oder 5 Jahren durchlaufen, ohne die Bezugsgruppe wechseln zu müssen. Sie finden einen Partner (oder eine kleine Gruppe), der ihren Interessen oder ihrem Lernniveau entspricht.
- Kinder (besonders aus Ein-Kind-Familien) erfahren familienähnliche Strukturen.
- Die Gruppennorm wird durch die älteren Kinder ganz natürlich transportiert, neue Kinder wachsen einfach hinein; soziales Lernen geschieht über Nachahmung.
- Die Arbeitsweisen (Umgang mit Material, Ordnungssysteme, ...) werden ebenfalls auf diese Weise gelernt. Die Lehrkraft ist durch die Selbsttätigkeit so entlastet, dass sie sich einzelnen Kindern intensiver zuwenden kann.
- Insgesamt lernen Kinder in einer Weise voneinander, die kein Material und kein Erwachsener ersetzen kann. Kooperation und vielfältige Sozialerfahrungen ergeben sich in der Zusammenarbeit, im täglichen Zusammenleben überhaupt.
- In der Stammgruppe findet jährlich ein relativer Wechsel statt, der 4. Jahrgang verlässt die Schule, der 1. Jahrgang kommt neu hinzu.Abschiednehmen und Neubeginn werden als elementare Aspekte des Lebens erfahren. Das hilft Kindern, sich in einer Welt zurechtzufinden, die Mobilität verlangt und von Trennungen geprägt ist.






